Klangkörper

Tradition neu interpretiert: Richard Wierer aus  Südtirol schuf ein außergewöhnliches Musikmöbel im Jugendstil – mit Klang-Technik vom Feinsten.

Foto: Robert Leimgruber

Weihnachten 2020 war eine gute Zeit zum Nachdenken. Richard Wierer zum Beispiel dachte darüber nach, wie die neue Hi-Fi-Anlage aussehen könnte, die er sich seit Langem für sein Wohnzimmer anschaffen wollte. Klar war nur eins: Ihr Herzstück sollte ein hochwertiger Röhrenverstärker sein. Vor einiger Zeit hatte Richard die Produkte der Frankfurter Röhrenmanufaktur kennengelernt. Seitdem hatten sie den leidenschaftlichen Musiker nicht mehr losgelassen. Die ersten ihrer Art waren in der Zeit um 1900 entwickelt worden, in der Epoche des Jugendstils. Und dann war plötzlich die Idee da: Der Designrahmen für die neue Anlage sollte ein Musik­möbel im Jugendstil sein.

Richard ist ein Mensch mit vielen Ideen. „Schon als Kind schwebten mir ständig Einfälle im Kopf herum, wie ich einfache Möbel aus sägerauen Brettern zusammenbauen könnte“, erzählt er uns in seiner penibel aufgeräumten Werkstatt in Rasen-Antholz. Neugierig habe er damals seinem Großvater bei dessen Schnitzarbeiten über die Schulter geschaut. Den Drang, selbst zu werkeln und zu basteln, lebte er beim Baumhausbauen und bei Laubsägearbeiten aus.

Foto: Robert Leimgruber

In der Hochschulzeit entdeckte er seine Faszination für die Musik und das Gitarrespielen. „Das Zusammentreffen von traditionellem Handwerk, dem Leben mitten in der bergigen Natur und der Klang von Saiteninstrumenten, das brachte mich auf unheimlich viele Ideen“, erinnert sich Richard. Er lernte das Zimmererhandwerk und wagte anschließend – weil er das detailreiche und präzise Arbeiten noch mehr liebte – den Quereinstieg in die Tischlerei, entdeckte die Vielfalt der Oberflächentechniken, der Holzarten und der unsichtbaren Verbindungen. All das findet sich heute auch in den wunderschönen E-Gitarren wieder, die er dann und wann für seine Kunden baut.

„Wenn mir eine Idee gut gefällt, dann will ich sie auch schnell realisieren“, gesteht Richard. Auf Webseiten und in Büchern recherchierte er genau, wie sich der Jugendstil gestalterisch definiert. Dann verbrachte er zwei Wochen vor dem Computer, um seinem neuen Musikmöbel Gestalt zu verleihen. Funktional wichtig waren ein Platz für den obligatorischen Plattenspieler, eine Schublade für Schallplatten sowie Bauraum für Dreiband-Equalizer, CD-Spieler, Bluetooth-Empfänger, DAB-plus-Radio und natürlich den Röhrenverstärker. Außerdem musste für die Basslautsprecher im unteren Teil ausreichend Korpusvolumen da sein, und auch Hoch- und Mittentöner galt es klanglich sinnvoll zu integrieren. Das Ergebnis war die vermutlich erste „Hi-Fi-Kredenz“ der Geschichte.

„Wenn mir eine Idee gut gefällt, dann will ich sie auch schnell realisieren.“ – Richard Wierer

Fotos: Robert Leimgruber

Eigentlich ist die Kredenz, vielen besser als Buffet bekannt, ein schrankhohes Esszimmermöbel, in dem man Geschirr und Tischwäsche aufbewahrte. Auf der Abstellfläche in mittlerer Höhe „kredenzte“ man Speisen. Darum hatten diese Möbel­stücke traditionell eine gewisse Breite und Tiefe. Akustisch hätte so ein großes Volumen Richards „Hi-Fi-Kredenz“ gut gestanden. „Mir schwebte aber etwas vor, das auch bei anderen Hi-Fi-Liebhabern mit wenig Platz stehen kann“, berichtet Richard. Deshalb ist seine Kredenz „nur“ 70 Zentimeter breit und 50 Zentimeter tief.

Die Höhe war wichtig. Durch die hohe Form der Kredenz konnte er die vier Hoch- und Mittentöner weit oben einbauen.

Foto: Robert Leimgruber

„Bass­wellen verbreiten sich im ganzen Raum, aber die Hochtöner ­haben einen sehr kleinen Abstrahlwinkel. Um das ganze Frequenzspektrum möglichst gut abhören zu können, sollten die Hochtöner auf Ohrenhöhe angeordnet sein.“ Weil man aber beim bewussten Genießen von Musik oft sitzt, entschied sich Richard für einen Mittelweg. Er fräste die zwei seitlichen Hoch- und Mittentöner schräg in die zwei Meter hohe Kredenz ein, damit sie leicht nach unten und nach vorne abstrahlen – genau wie die Mittentöner in der Front.

Die vorderen Hochtöner lassen sich mit einem Schubstangensystem noch tiefer schwenken, um einen optimierten Ausgleich zwischen sitzendem und stehendem Hören zu schaffen. Im neuen Musikstudio eines Kunden hatte Richard schon vor längerer Zeit große Lautsprechereinheiten komplett nach oben und unten schwenkbar eingebaut. Eine Pioniertat, von der sein Kunde begeistert war. Denn: „So kann man den Abstrahlwinkel der Hochtöner immer optimal einstellen – egal, ob man gerade im Stehen probt oder am PC sitzt.“

Foto: Robert Leimgruber

Als Material für die Unterkonstruktion setzte Richard MDF-Platten ein. „Die sind sehr resonanzarm und machen weniger ­Probleme mit Rückkopplungen, außerdem fördern sie eine möglichst unver­fälschte Klangwiedergabe.“ Die Säulen bestehen aus Massivholz, die Verblendungen sind teils massiv, teils aus Birke-Multiplex, das mit Eiche furniert ist. Auch das traditionelle Wiener Geflecht vor den Lautsprechern durfte nicht fehlen. „Das ist ein historisches Element, das natürlich sehr gut zum Stil passt“, erläutert Richard, der sich der Stadt Wien und ihrer alten Handwerkskunst verbunden fühlt.

Richard hat seine Hi-Fi-Kredenz in schwarz gebeizt und matt-transparent lackiert, auch weil es auf Kunden mit eigenen Farbvorstellungen neutraler wirkt. Dieses Exemplar bleibt aber erst mal sein eigenes. Ob das Jugendstil-Design zu seiner Einrichtung passt, fragen wir. Richard schmunzelt. „Im Moment nicht, aber hoffentlich in meiner nächsten Wohnung.“

Fotos: Robert Leimgruber
2022-04-08T11:41:24+00:00 April 8th, 2022|Kategorien: Ausgabe5, Kunstform|0 Kommentare

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